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Auf meinem Schreibtisch liegt ein Bild von Khalid.
Khalid ist ein kleiner syrischer Junge.
Khalid ist ein Opfer des Bürgerkriegs in Syrien.
Er ist eines von vielen Opfern.
Man könnte ihn deshalb vergessen.

Aber ich kann ihn nicht vergessen.
Er steht stellvertretend für alle.
Vor den Augen Khalids wurden Vater, Mutter und Geschwisterchen erschossen.
Der Tod kam in Gestalt von Soldaten, die vielleicht selbst Kinder zu Hause haben.
Khalid rannte in Panik davon.

Das Bild dieses Kindes geht mir nicht mehr aus dem Sinn.
Und es gibt noch Millionen solcher Bilder!
Der Krieg in Syrien und in der Welt geht weiter.
Es ist kein Ende in Sicht.

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Bild von Khalid.
Ich werde seinen Gesichtsausdruck nie vergessen.
Ich wünschte, sein Bild wäre recht vielen Menschen ins Bewusstsein gebrannt.
Ich wünschte, es würde jeden Menschen so berühren wie mich.
Ich wünsche mir Mitgefühl für jeden Menschenbruder, aber …

Ich sah noch nie einen so verstörten und anklagenden Blick aus Kindesaugen.
Das Gesicht dieses Kindes verurteilt eine ganze Welt!
Und die Welt hatte die Macht, Kinder glücklich zu machen.
Warum hat sie es nicht getan?

Sie hat das Herz für Kinder und Menschen schon lange verloren.
Die Welt wird nicht von der Liebe, sondern vom Hass gelenkt.
Sie ertrinkt in Menschenblut und Tränen.
So habe ich jede Hoffnung auf eine Besserung verloren.
Denn die Menschen haben Gott verloren.
Nun sind sie sich selbst überlassen.
Nun gibt es nur noch Mord und Hass.

Die meisten Menschen haben es abgelehnt, der Kraft zum Guten zu folgen.
Jetzt hat das Böse die Alleinherrschaft übernommen.

Ich habe mich abgewandt.
Das ist mein Protest.
Ich entziehe mich, ich versage mich.
Ich kann mich nicht an diese Zustände gewöhnen!

Dieser Welt ist nicht zu helfen.
Täter und Opfer sind jederzeit austauschbar.
Es dominiert die Rache;
es herrscht die Rachsucht.
Die Rache verdunkelt die Herzen.
Sie macht blind für den Mitmenschen.
Sie macht die Menschen wahnsinnig.

Es wird noch viele kleine Khalids geben.
Erbärmliche und arme Welt!
Verlorene Welt!
Ach Khalid! Was wird aus dir werden? Vielleicht hast die nähere Verwandte, die dich aufgenommen haben und dir ein mehr oder weniger erträgliches Leben bieten können. Du könntest auch in einem der vielen Waisenhäuser oder Flüchtlingslager landen. Aber was mit dir auch geschehen wird, glücklich wirst du kaum werden, denn dein Unglück hat sich tief in dir festgefressen und geht überall mit dir mit. Du wirst nachts aufschrecken und schreien und bei Tag wirst du dich ablenken oder auch nicht. Wie soll dein Leben weiter gehen?

Es ist auch möglich, dass aus deinem Unglück ein abgrundtiefer Hass auf jene erwächst, die dir Unrecht zugefügt haben. In deinem Land gibt es viele junge Männer, die Khalid heißen. Das weiß ich aus den Berichten der Reporter, die euren Krieg in unsere Wohnzimmer tragen. Es ist möglich und alltäglich geworden, dass man auch dich verführt, dass man dich den Hass auf Menschen lehrt und du eines Tages auch auf Eltern anderer Kinder schießen wirst. Das ist alles möglich und alltäglich geworden. Es ist leider auch möglich geworden, dass Hassprediger dich dazu bringen, als lebende Bombe, als Selbstmordattentäter viele Menschen in den Tod zu stürzen. Vernichtung und Hass wirst du dann säen, so wie man es dich gelehrt hatte. Und vielleicht wirst du dir einbilden, Gott einen heiligen Dienst zu erweisen.

Alles dies ist alltäglich geworden. Das Morden ist ebenso alltäglich geworden, wie die Kindersoldaten, die Arbeitssklaven in Plantagen und die vielen heimat- und obdachlosen Kinder Asiens. Und alltäglich ist auch der Hunger, der jährlich Millionen Kinder frisst. Was wird aus dir werden?

Es kann sein, dass du eines Tages erkennst, wie der Mensch eigentlich leben soll und dass die Bestimmung des Menschen Liebe ist. Das wäre nicht nur schön, sondern auch das, was ich dir mit ganzem Herzen wünsche. So bete ich für dich.

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