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„Seien Sie nicht zu pessimistisch. Es wird alles gut!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich auf dem Flughafen ein junger Mann von mir, mit dem ich während des Fluges angeregt gesprochen habe. Vom Typ her ein junger Mann, der viele Sportarten betrieb, ebenso viele Freundinnen hatte und gerade mit seinem Informatikstudium fertig geworden war.

Jetzt stand er vor der Aufgabe, die Welt mit seinem Können zu bereichern – voller Tatendrang und Optimismus. Als er mich nach meinem Beruf fragte und erfuhr, dass ich Naturwissenschaftler bin, meinte er, eine seiner Freundinnen sei es auch. Es ergab sich während des Gesprächs, dass er von meinem Kulturpessimismus erfuhr. Ich versuchte ihn zu begründen. Teilweise gab er mir Recht, teilweise widersprach er. In der Summe merkte ich bald, dass er ein Positivist war und alle Probleme für lösbar hielt, einschließlich Klimakatastrophe, weltweite Hungersnot und Terrorismus. Er konnte kaum verstehen, dass es Menschen gibt, die so pessimistisch sein können wie ich. Auf meinen Einwand, dass dieser Pessimismus seine Gründe habe, antwortete er, dass sich jeder Mensch seine eigene Weltsicht konstruiere. Damit wollte er mir zu verstehen geben, dass man sich auch Vieles nur einbilden könne und dass die realen Verhältnisse so schlimm gar nicht sein können. „Und woher nehmen Sie ihren Optimismus?“ Seine Antwort: „Der Mensch hat es in der Hand seine Zukunft zu gestalten und er wird sich nicht leichtsinnig umbringen, weil er einsichtig ist und diese Welt retten kann.“

Ich habe noch lange an dieses Gespräch gedacht. Und bis heute kann ich ihn nicht richtig verstehen. Wir haben doch die Erfahrung der Geschichte! Warum ist die Geschichte des Menschen so verlaufen, dass andere Männer behaupten, die Geschichte sei eine Krankengeschichte von Irren? Und was ist vom Konstruktivismus zu halten, nach dem sich jeder seine eigene, subjektive Sicht der Dinge konstruiert? Gibt es denn keine vom Menschen unabhängige Wirklichkeit? Das kann es ja wohl nicht geben, denn allein schon die Tatsache, dass 1 und 1 gleich zwei ist, beweist zumindest dass diese Formel unabhängig vom Menschen existiert. Nein, wir haben ja in der Naturwissenschaft die Möglichkeit, uns ein Bild dieser Wirklichkeit zu machen, das von allen Menschen akzeptiert wird. „Da draußen“ gibt es viele Tatsachen, die wir begreifen und erkennen können, und zwar alle Menschen. Aber ich denke an dieser Stelle, dass der junge Mann mit seinem Konstruktivismus übertrieben hat und die ganze Idee für gut und nützlich hielt.

Da kommt der Verdacht auf, dass bei radikaler Anwendung des Konstruktivismus die falsche Einsicht entsteht, dass sich jeder seine Anschauung der Welt zusammen bastelt und sie als gleichwertig neben alle anderen stellt. Und am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass jeder Mensch auf seine Weise Recht hat. Damit, so meine ich, liegt der junge Mann voll im Trend des Zeitgeistes, der sogar alle moralischen Werte relativiert und meint, alles sei Ansichtssache.

Und die Relativierung der Werte führt dann zum Verlust derselben. Dieser Verlust wird übrigens von vielen Menschen wahrgenommen und bedauert. Und man sieht in diesem Verlust die eigentliche Ursache so manchen Problems. Zum Beispiel die Banken- und Wirtschaftskrise: Hier bedauert man öffentlich eher den Verlust des Geldes, als den Verlust der Moral. Welches der weltweiten Probleme lässt sich eigentlich nicht auf einen Verlust der Moral zurückführen? Darüber muss man nachdenken.

Hat man schon einmal daran gedacht, dass wir als Menschen genau immer das ernten, was wir gesät haben?

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