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Aleppo wird zum Sinnbild des Todes der Menschlichkeit! In Aleppo und an vielen anderen Stellen hat unsere Zeit ihr wahres Gesicht gezeigt. Das Verrauen auf Menschlichkeit ist eine Illusionen. Es gibt sie nur noch in wenigen privaten Bereichen; in der Welt ist sie nicht zu Hause. In der Welt regiert die Sinnlosigkeit, der Tod.

Nun passt das Erleben der Zeit gut zu dem, was Menschen schon immer empfunden haben: Am besten hält man den Mund, wenn man für die Realität keine passenden Worte mehr hat, wenn sich die Wörter abgenutzt haben. Was soll man noch sagen, wenn das Grauen nicht mehr mit menschlichen Worten zu beschreiben ist? In diesen Tagen wurde eine neue Metapher des Grauens geboren: Aleppo!

Was soll man noch sagen, wenn alles gesagt ist? Dann soll man wohl besser schweigen. Ist das Resignation? Ist es Enttäuschung? Es ist das Ergebnis langen Nachdenkens, das Ergebnis der allgemein menschlichen Erfahrung.

Und es ging vor mir vielen Menschen so. Ich befinde mich da in bester Gesellschaft. Gegen Ende des Lebens – spätestens dann – wird man kleinlaut, leise, schweigsam. Menschen haben das Leben zu allen Zeiten als enttäuschend empfunden, was nicht bedeuten soll, dass sie nicht gerne lebten. Nein, es ist die Summe des ganzen Unternehmens. „Das Spiel ist die Kerzen nicht wert!“ Wie wahr! Oder: „Vulnerant omnes, ultima necat.“ („Jede verletzt, die letzte tötet.“ Gemeint sind die Stunden des Lebens.) Und der Verwalter der Schauenburgischen Güter im Dorf Gaisbach zitierte nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges einen Bußprediger:

„Adieu Welt! Dann auf dich ist nicht zu trauen, noch von dir nichts zu hoffen: in deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, das Allerbeständigste fällt, das Allerstärkste zerbricht und das Allerewigste nimmt ein End, also dass du ein Toter bist unter den Toten, und in hundert Jahren lässt du uns nicht eine Stunde leben.“ (Grimmelshausen, Simplizissimus)

Oder zitieren wir einen jungen Mann in einem Pariser Hotel in den Fünfziger Jahren:

„Ich kann nicht mehr mit dem Leben ringen. Ihr, die ihr glaubt, wirklich zu leben, welche Beweise habt ihr dafür in der Hand?“ (Sadeq Hedayat, Lebendig begraben)

Und damit setzen sich nur die Gedanken fort, die im Bibelbuch „Prediger“ das Feld beherrschen. Pessimistischer kann man nicht sein, wenn man schreibt:

„Und ich hasste das Leben, weil die Arbeit, die unter der Sonne getan worden ist, von meinem Standpunkt aus unglücklich war, denn alles war Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind“. (Prediger 2:17)

Zu allen Zeiten findet man solche Äußerungen, die mit Herzblut geschrieben worden sind. Sind das pathologische Gedanken? Nein, es ist die nüchterne Sicht auf die Dinge, denn: die Lebenden sind sich bewusst, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen gar nichts! (Prediger 9:5)

Und auf der anderen Seite stehen die Optimisten! „Alles wird gut!“ „Wo wir sind ist vorne!“ „Heute ist alles besser als gestern, doch morgen wird es noch viel besser als heute sein!“ Auch das ist mir zuviel Dummheit, zuviel geistige Blindheit, zuviel Sinnlosigkeit und Wurstigkeit. Hier scheint es mir an innerer Wahrhaftigkeit zu fehlen. Hier triumphiert die Selbsttäuschung. Es tut mir nicht leid, so etwas zu schreiben. Ich kann nicht anders, denn ich sehe, wohin die Geschichte steuert. Aber wer hört zu? Hat die Menschheit überhaupt etwas begriffen? Es gab immer nur wenige, die ein Gefühl für die erlebte Wirklichkeit hatten, die hinter dem schönen Schein den Abgrund sahen. Sie waren immer Einsame; nie waren sie die Helden des Tages, niemals waren sie in der Mitte aufgeregter Massen. Sie lebten in der Stille und schwiegen, nachdem alles gesagt war. Oder soll ich besser den Apostel Paulus zitieren, der sagte: und die Welt war ihrer nicht würdig?

Nein, das soll kein Selbstmitleid sein. Es ist die nüchterne Bilanz eines alten Mannes, der trotzdem mit seinem Leben zufrieden ist und war, denn es gibt ja noch ein privates Leben, ein Leben in einer Nische oder auf einer Insel. Und da kann das Leben berückend schön sein. Und dieses Leben war mir beschieden! „Durch alle Alter geschritten, als Kind, als Mann, als Greis. Und immer am Leben gelitten, ward mir die Welt zu Eis.“

Und immer am Leben gelitten? Ja. Meine Rettung war die Erfahrung Gottes. In der Bibel fand ich zwar meinen Pessimismus bestätigt, aber ich war dann doch nicht ohne Hoffnung, denn die Bibel beschreibt einen Ausweg aus dem Elend dieses Daseins. Sie beschreibt den Weg zurück. Den Weg zu Gott, den Weg zum wirklichen Leben.

Ich bin diesen Weg gegangen. Ich bin ihn gerne und mit Freuden gegangen. Und immer war es der Geist des Wortes Gottes, der mich begleitete und mich veränderte. Ich ließ mich darauf ein, weil ich es so wollte. Ich wollte leben aus innerem eigenem Selbst. Für mich bedeutete es zuerst, mein Selbst zu entdecken. Ich musste eine Reise in mir selbst antreten und am Ende entdecken, welche Bedürfnisse ich wirklich habe.

Und dann musste ich mutig sein, mich gegen meine Umgebung durchzusetzen, die ja immer darauf aus ist, einen Menschen zu vereinnahmen, ihn für irgendwelche Zwecke dienstbar zu machen, ihn dazu zu bringen, schließlich gegen seine eigenen spezifischen Bedürfnisse als Mensch zu leben. Durch die Erkenntnis Gottes, diese intime, nicht vermittelbare Erfahrung des Schöpfers, wurde mir auch meine Verantwortung bewusst. Ich fühlte mich in den großen Gesamtzusammenhang des Lebens eingewoben und verpflichtet, im Leben wahrhaftig zu werden. Ich wollte also Leben in eigener, bewusst wahrgenommener Verantwortung im Sinne der Bergpredigt Jesu (Mathäus 5-7). Kein Mensch hat mich dazu überredet oder mit Schlagworten betrunken gemacht. Mein Selbst wollte es so, denn ich entdeckte in mir die Verwandtschaft meiner innersten Wünsche und Gedanken mit der Bibel. Bis heute war es mir möglich so zu leben. Und mir ist zutiefst bewusst, dass dies ein Geschenk Gottes ist. Und so gebe ich allein ihm die Ehre.

 Nun habe ich mich gänzlich zurückgezogen. Ich lebe auf meiner kleinen Insel und hoffe, dass man mich in Ruhe lässt. Nun warte ich nur noch auf das Ende – mein eigenes und das dieser gottverfluchten Welt.

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