Der Weg zu mir selbst

(Gedanken eines Zeugen Jehovas über seinen Glauben und seine christliche Freiheit)

Der Zug fährt langsamer. Ich schaue aus dem Abteilfenster auf die vorbeiziehende Vorstadt. Bald werde ich angekommen sein. Ich betrachte die Gebäude, an denen ich schon unzählige Male vorbeigefahren bin. Warum ist mir diese Armseligkeit, dieser marode Zustand der Häuser und die Tristesse der Vorstadtstraßen nicht schon früher aufgefallen? Ich vergesse, dass inzwischen viel Zeit vergangen ist. Früher war vieles neu, heute ist es gealtert, wurde “verschlimmbessert”, wurde verändert und der Gegenwart angepasst. Die Zeiten haben sich geändert!

Das muss ich einfach in Rechnung stellen. Ich muss einsehen, dass nichts so bleibt, wie es einmal war. Ich muss einsehen, dass diese Welt vom Bösen beherrscht wird. Was einmal gut und liebenswert war, wird mit der Zeit hässlich und böse. Das ist ein allgemeiner Prozess, der sich auf alles erstreckt. Er macht auch vor Religionsgemeinschaften nicht Halt. Wie viele Gemeinschaften kenne ich aus der Geschichte, die einen guten Start hatten, weil man mit ehrlichem Herzen nach den Vorgaben der Bibel leben wollte? Und was wurde daraus? Immer wieder war es die Korruption des Glaubens, welche die edlen Ziele und Absichten umbog und zur Lüge verfälschte. Und immer wollte man über Menschen herrschen.

In der Jugend war ich arglos und glaubte noch an die Ehrlichkeit der Menschen. Ich hatte Vorbilder, die ich mir selbst geschaffen hatte. Ja, ich habe mich in der Jugend selbst getäuscht, weil ich anderen Menschen zu sehr vertraute, ohne Näheres über sie zu wissen. Das Wissen ersetzte ich mit Fantasie. So kam es, dass ich in mancher Hinsicht getäuscht worden bin.

Damals lernte ich die Bibel kennen; ein gleichaltriger Zeuge Jehovas sprach mit mir und führte mich in die Grundlagen der Bibel ein. Dafür bin ich ihm heute noch in gewisser Weise dankbar. Die Bibel wurde für mich tatsächlich eine Offenbarung. So kam ich meinem Gott näher. Diese Nähe wurde immer enger, worüber ich ehrlich froh bin. Die Nähe meines Vaters im Himmel gibt mir Kraft für dieses Leben, sie gibt mir Hoffnung und Zuversicht, Glauben und Liebe. Was brauche ich mehr?

Irgendwelche Menschen meinten aber, dass ich mehr brauchen sollte. Bald merkte ich, dass sich zwischen mir und meinem Vater im Himmel noch andere drängen wollten. Dagegen wehrte ich mich; ich ließ nur einen Mittler zu, meinen Herrn Jesus Christus. Und so war ich auf einmal auf einem Weg, der von den offiziellen Zeugen Jehovas weg führte. Ich merkte sehr bald, dass die Wachtturm-Gesellschaft höchstens ein Hilfsmittel sein konnte, um mein christliches Leben zu führen. Unter diesem Aspekt ließ ich eine friedliche Koexistenz zu. Manche bemerkten mein Abweichen von der offiziellen Doktrin, doch ließ man mich in Ruhe, denn die Organisation war noch nicht auf die Idee gekommen, unentbehrlich zu sein.

Aber die Zeit änderte sich und sie veränderte mich. Die Veränderungen begannen vor etwa 20 Jahren und machten mich nachdenklich. Plötzlich waren feste Grundsätze Makulatur geworden: Man suchte die Nähe zum Staat und seine Anerkennung. Früher war es undenkbar, dass man “mit dem wilden Tier tanzte”. Man kritisierte jene Gemeinschaften, die das taten. Und nun machte man es auch? Ich veränderte mich also, weil ich diesen Grundsatzwechsel von der Bibel her nicht nachvollziehen konnte. Meine Veränderung musste nach außen sichtbar werden und wurde wahrgenommen. Ich konnte nicht anders, als nach meinem Gewissen und der biblischen Erkenntnis zu handeln. Plötzlich taten sich Abgründe auf und ich hatte zeitweise das Gefühl, auf schwankendem Boden zu stehen. Es kamen Selbstzweifel auf und die Fragen: Denkst und handelst du in diesem Fall richtig? Täuschst du dich nicht und hast du alles richtig durchdacht? Könnte es sein, dass die “Organisation” im Recht ist?

Diese Selbstzweifel konnte ich nur durch konsequentes Nachdenken und genaues Lesen der Bibel aus dem Weg räumen. Ich konnte sie auch aus dem Weg räumen, weil es um Moral ging. In Fragen der Moral lässt die Bibel gar keine Wahl! Ein Baum wird immer an den Früchten erkannt. Und da macht eben die “Wachtturmgesellschaft” keine Ausnahme!

Es war im wahrsten Sinn des Wortes Ent-Täuschungsarbeit. Diese Arbeit war nicht zu umgehen; sie hatte mit der Verantwortung gegenüber dem Schöpfer zu tun und mit meinem Wunsch, mit mir selbst ehrlich umzugehen.

“Die Wahrheit spricht mit leiser Stimme!” Das hatte ich irgendwo einmal gelesen. Und tatsächlich! Jehowah spricht in der Stille zum Menschen, wenn niemand dazwischen reden kann, wenn der Mensch empfänglich und offen ist für sein Wort. Für mich bekam das Wort “Einsicht” eine viel höhere Bedeutung als “Erkenntnis” und “Wissen”. Ich wollte nicht mehr nur meinen Kopf füllen, sondern mein Herz. Mir ging es so, wie dem Schreiber des 119. Psalms: Obwohl er das Gesetz gut kannte, betete er um mehr. “Den Weg deiner Befehle lass mich verstehen, …” (V. 27). Ich bin mir ganz sicher, dass er die erbetene Einsicht auch bekommen hat, denn genau das hat Gott versprochen: “Ich werde dir Einsicht verleihen und dich unterweisen in dem Weg, den du gehen solltest. Mein Auge auf dich richtend, will ich dir raten.” (Ps. 32:8) In diesen einfachen Worten liegt so viel Trost, Hoffnung und Zuversicht! Hier verspricht der Schöpfer ganz deutlich, dass er einen Menschen ganz individuell zu Einsichten führen will.

Ich konnte mir unter dem Sperrfeuer der Propaganda früher nicht vorstellen, dass Gott mit einzelnen Menschen handelt. Das ist heute eine selbstverständliche Sache für mich geworden, aber früher dachte ich, dass alles nur durch die “Organisation” geschieht, durch das Kollektiv, die Versammlung. Heute weiß ich: Gott sieht auch mich und tritt für mich ein! So etwa muss es ein Abraham empfunden haben, der ja keine “Organisation” kannte, der in freier und selbst gewählter Verantwortung vor seinem Gott stand und von ihm geführt wurde. Was wusste Abraham? Die Bibel war noch nicht geschrieben. Und was dieser treue Mann “wusste“, war die Erfahrung Gottes im eigenen Leben. Diese Erfahrung war so radikal, dass er Gott sah und fühlte!

In diesem Kontext lese ich auch Johannes 14: 23: “Jesus antwortete und sprach: Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.” Kann man besser Gäste im Haus haben? Kann es etwas größeres geben?

Ein weiterer Text, der mir zu denken gegeben hat: “Glücklich ist der, den DU erwählst, damit er in deinen Vorhöfen wohnt!” (Psalm 65:4) Es hängt von Gott ab, wem er gestattet, in seinen Vorhöfen zu wohnen! ER gestattet erst die Nähe, er gestattet sie, ohne eine “Organisation” dazwischen zu schalten. Gott sucht sich seinen Umgang selber aus! Nicht die Mitgliedschaft in einer “Organisation” entscheidet über die Nähe zu Gott, sondern ein ganz intimes und persönliches Verhältnis zum Schöpfer. Und welche Bedingungen muss ein Menschen erfüllen, damit Gott ihm Nähe erlaubt? Der Psalm 15 gibt eine treffende Antwort! Es kommt also auf die Rechtschaffenheit an, nicht auf eine eingebildete Rechtgläubigkeit! Und das hat auch viel mit dem Gewissen zu tun, das im Umfeld der “Organisation” vielfach ausgespart wird. Es darf aber in unserem Leben keinen gewissensfreien Raum geben. Niemand darf fordern, dass man in der “Organisation” einfach zu gehorchen hat und dass es in ihr keine Gewissensfragen gibt, weil sie angeblich vom Geist Gottes geleitet ist. Nein, wer so etwas fordert, macht sich eines Verbrechens schuldig!

Es ist ja auffällig, wie oft z. B. bei Paulus das Wort Gewissen vorkommt. Ich habe es 21 mal in seinen Briefen gefunden. Das Gewissen eines Menschen wird also im NT sehr hoch bewertet, so hoch, dass ein Mensch im Glauben scheitert, wenn er das gute Gewissen verliert! (1. Tim. 1:19) Und das muss auch so sein, denn ein gutes Gewissen ist ja die Grundlage, auf der meine Taufe steht (1. Petr. 3:21). Nach den Worten Petri ist die Taufe die an Gott gestellte Bitte um ein gutes Gewissen durch das Opfer Jesu Christi. Und wie konnte man aus dem Akt der Taufe einen Aufnahmeritus für eine “Organisation” machen? Aber gerade das lag ja gewissermaßen auf der Linie, die von herrschsüchtigen Menschen verfolgt wurde. So konnte man die “Organisation” als rettendes Schiff darstellen. Dieses falsche Bild hat sich vielen Menschen so stark eingeprägt, dass sie sich nichts anderes vorstellen können. Wenn ganz leise Zweifel bei manchen laut werden, dann sagen sie meist: “Wohin sollen wir gehen?” Damit wollen sie andeuten, dass sie nur zur “Organisation” halten können, denn in ihr werden sie ja gerettet und nur bei ihr erfahren sie die Wahrheit. Und in dieser Haltung erblickte ich den eigentlichen Skandal, die Korruption des Glaubens, denn das widerspricht der Bibel, es widerspricht Jesus Christus, der deutlich genug sagte, dass er “der Weg, die Wahrheit und das Leben” ist. Und hat er nicht alle Müden und Beladenen eingeladen, zu ihm zu kommen? (Mat. 11:28-30)

So verstehe ich heute, wo ich reifer geworden bin, vieles besser. Das hatte zur Folge, dass ich ruhiger und gelassener geworden bin. Darin sehe ich die helfende Hand Gottes! Und darin gipfelt noch eine ganz besondere Erfahrung, über die ich jetzt reden will.

Ich möchte etwas über Verantwortung sagen. Es ist ja kein Geheimnis, dass die meisten religiösen Menschen kein persönliches Verhältnis zu Gott kennen. Sie fühlen sich deshalb auch nicht vor ihm verantwortlich. Ohne diese Verantwortung vor Gott läuft der Glaube einfach ins Leere, er verkommt zu einer unverbindlichen Sache ohne Tiefe und letztlich ohne Sinn. Erst ein Mensch, der in der göttlichen Verbundenheit auch seine Verantwortung sieht, kann Gott gefallen. So ein Mensch weiß, dass er Rechenschaft schuldig ist. In diesem Moment ist er der ganzen Moral Gottes verpflichtet. Solange das aber nicht ist, kann ein Mensch seine Entscheidungen dem Zufall anpassen; er kann seine eigenen Maßstäbe nach Belieben ändern, er wird sich eher von Nützlichkeitserwägungen leiten lassen, als vom Gesetz Gottes. Ihm fehlt die Gottesfurcht und der tiefe Respekt vor Gott.

Ich kam durch die sich verändernden Verhältnisse zur Einsicht, dass es keine Religionsgemeinschaft geben kann und geben wird, die unter den Verhältnissen in dieser Welt frei von Betrügern bleibt. Es ist über 20 mal im NT enthalten, dass Betrüger in die Versammlungen der Christen eindringen! Zu jeder Zeit sind diese Leute am Werk, um “die Jünger hinter sich her wegzuziehen” (Apg. 20:30). Niemals ist ein Jünger Jesu in dieser Hinsicht in Sicherheit, immer wieder wird er von falschen Brüdern bedroht und zu jeder Zeit muss er wissen, was und an wen erglaubt. Immer wieder muss er sich seines eigenen Glaubens vergewissern. Und immer ist ihm der Kampf gegen die Verführung aufgetragen. Wenn die “Organisation” behauptet, von Betrügern frei zu sein, dann lügt sie. Ihr ganzes Machtstreben der letzten 20 Jahre beweist deutlich, was die Glocke geschlagen hat. Die “Organisation” hat das “wilde Tier” umarmt und hat sich an den Versammlungen bereichert. Sie hat durch verdrehte Lehren vom Hauptvermittler des Lebens abgelenkt, sie hat sich auf einen Thron gesetzt und will herrschen. In 2. Petr.2:1-3 steht dazu:

“Im Volk sind allerdings immer schon falsche Propheten aufgetreten.
Und ebenso werden bei euch falsche Lehrer auftreten.
Sie werden unter der Hand Lehren einführen, die den Untergang bringen.
Und sie begehen Verrat an ihrem eigentlichen Herrscher, der sie freigekauft hat. Damit bereiten sie sich sehr schnell selbst den Untergang.
Viele werden dem Beispiel ihres zügellosen Lebens folgen.
Und dadurch werden sie den Weg der Wahrheit in Verruf bringen.
Aus reiner Habgier werden sie versuchen, euch mit Lügengeschichten zu ködern.
Das Urteil über sie steht schon längst fest, und ihr Untergang schlummert nicht.”

Ich bin mir also schon vor Jahren darüber klar geworden, dass Glaube mehr ist, als nur irgendwelchen Geboten blind zu gehorchen, mehr ist als gewisse Zeremonien durchzuführen, sich bestimmte Verhaltensweisen anzutrainieren und ständig den Namen Gottes im Munde zu führen. Das alles kann reine Äußerlichkeit sein; das muss mit der inneren Wahrhaftigkeit nicht viel zu tun haben, denn das haben die Juden im Gesetzesbund mehrheitlich auch gemacht. Jeremia schrieb dazu:
“Nahe bist DU ihrem Mund, doch weit entfernt von ihren Herzen.” (Jer. 12:3) Der Betrieb im Tempel in Jerusalem lief jeden Tag ordnungsgemäß ab – zuverlässig wie ein gutes Uhrwerk. Aber wie sah dahinter die Szene aus? Schändliche Unmoral und Götzendienst beherrschten die Wirklichkeit. Und doch redete man sich ein, auf der sicheren Seite zu stehen: “Setzt euer Vertrauen nicht in täuschende Worte indem ihr sprecht: ‘Der Tempel Jehovas, der Tempel Jehovas sind sie!’” (Jer. 7:4)

Warum erwähne ich das? Ich erwähne es, weil man uns über die Jahre beibringen wollte, dass es ausreicht, den Vorgaben der “Organisation” zu entsprechen. Man ist immer dann ein “guter” oder “vorbildlicher” Zeuge Jehovas, wenn man predigt, studiert, betet und die Zusammenkünfte besucht. Das mag ja alles gut und schön sein, aber der einzelne Mensch muss doch diese Forderungen mit wirklichen Inhalten füllen! Wer spricht von innerer Wahrhaftigkeit, von Verantwortung vor dem Schöpfer? Davon hört und liest man viel zu wenig. Und doch muss ich davon überzeugt sein, dass es unter uns auch solche Menschen gibt, die genug innere Wahrhaftigkeit aufbringen und wesentlich leben. Wie sie das geschafft haben, wissen nur Gott und Jesus Christus. Auch dies ist die Wahrheit:

“Die feste Grundlage Gottes bleibt bestehen und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die, die ihm gehören. Und: Wer den Namen des Herrn nennt, lasse ab von Ungerechtigkeit!” (2. Tim. 2:19)

Wir haben uns in der “Organisation” an eine puritanische Pflichtmoral gewöhnt. Diese Pflichtmoral lebt nur von Ermahnungen, Forderungen, Befehlen, Vorschriften, Anweisungen, Verboten, Verdächtigungen, Unzufriedenheit, Drohungen, Misstrauen und Wetteifern. Diese Pflichtmoral erzeugt ständig Angst. Sie fordert immer mehr und ist nie zufrieden. Sie erzeugt ein permanentes schlechtes Gewissen. Ihre Apostel schauen auf Zahlen und beten sie an. Sie sind kleinlich und genau. Sie lieben den schönen Schein und hassen die Wahrheit. Sie sind die Aufpasser und reglementieren das Gewissen durch versteckte Drohungen. (Das mag sich überspitzt anhören, aber so habe ich es oft beobachtet. Natürlich sind nicht alle Ältesten so, aber die Wirklichkeit wird von sehr vielen so empfunden.) Diese Pflichtmoral hat viel mit dem Abarbeiten von Listen zu tun. Sie ist in erster Linie nicht auf den Mitmenschen gerichtet, um ihm etwas Gutes zu tun, weil man ihn liebt und schätz. Nein, sie dient viel zu häufig der eigenen Person, die sich bei Gott ein paar “Pluspunkte” verdienen will und die Anerkennung von Menschen sucht. Nicht der Mitmensch steht im Mittelpunkt der vielen Aktivitäten, sondern die Vorschrift, die Aktion und die eigene Person. Und wenn sie auf den Mitmenschen gerichtet scheint, dann will sie gewöhnlich einen Zweck erreichen, der Betreffende soll zu einer bestimmten Handlungsweise genötigt werden oder so beeinflusst werden, dass er “funktioniert”. Kennt aber die Liebe einen Zweck? Die Liebe ist sich selbst Zweck genug und verbietet jeden Missbrauch im Sinne eines anderen Zweckes. Wie macht es denn Jehowah? Lässt er sich auf einen “vorteilhaften Handel” ein? Macht er “Tauschgeschäfte”? “Gott ist Liebe!” so liest man es in der Bibel (1. Joh. 4:8). Und was Liebe im Christentum sein soll und sein kann, das liest man im 1. Korintherbrief, im Kapitel 13.

Das Christentum aber fordert eine Gesinnungsmoral. Es ist die Moralität des aufrichtigen Herzens. Ein Christ kennt seine Verantwortung vor Gott und ist durch Liebe mit dem Schöpfer verbunden. Was er tut, tut er aus Liebe, die aus einer tiefen Überzeugung kommt. Er tut das Gute, weil er es so will, weil er es für richtig und natürlich hält, sich so und nicht anders zu verhalten. Er fühlt sich immer unter dem Blick Gottes und wünscht demgemäß zu handeln. Die Gesinnungsmoral braucht keine Aufpasser, sie braucht nur das eigene Herz und den Geist Gottes.

Will man aber Gesinnungsmoral, dann muss man den Menschen ihre freie Entscheidung lassen, dann verbietet sich das Gängeln und Nörgeln, dann verbietet sich die ständige Unzufriedenheit und der dazu passende “Ansporn”, dann verbietet sich die ungeziemende Beeinflussung durch Propaganda und das Einreden eines schlechten Gewissens. Gesinnungsmoral setzt auf den guten Einfluss des Wortes und des Geistes Gottes; sie vertraut auf die Kraft zum Guten und darauf, dass “Gott es wachsen lässt”. Jeder Christ ist Gottes Bau! (1. Kor. 3:9) Gesinnungsmoral baut auf völlige Freiwilligkeit und nicht auf Druck und Zwang. Gesinnungsmoral setzt den freien Christenmenschen voraus, der gelernt hat, sich verantwortlich zu fühlen und der nicht mehr auf den Mitmenschen schielt, um sich mit ihm zu vergleichen. Gesinnungsmoral ist die Moral der Bergpredigt – nicht weniger! Sie ist Wahrheit und Wesen des Christentums.

Das soll aber niemals bedeuten, dass es nicht auch auf Menschen ankommt. Aber ihre Rolle erschöpft sich darin, Freunde zu sein, Mitarbeiter an der Glaubensfreude und echte Weggefährten. Dazu können Versammlungen gut sein, das sollte ihre Hauptaufgabe sein: Der Anreiz zur Liebe und guten Werken, eine Oase des Friedens und des Glaubens, ein Ort, wo man gern ist. Aber wie weit sind wir von diesem Ziel entfernt? Manchmal erinnert der Betrieb an eine Firma, die immer daran denken muss, Gewinn zu machen. Darum gibt es unter uns so viele Unerquickte.

Auf eine Sache muss ich noch zu sprechen kommen: Es ist die Erkenntnisfähigkeit des Menschen, die ja bekanntlich sehr begrenzt ist. Wir können uns der Wahrheit immer nur annähern. “Wir erkennen teilweise und sehen in verschwommenen Umrissen”. Das ist eine Tatsache, die auf jeden zutrifft. Ich bin also vor Irrtümern nicht gefeit. Doch wie gehe ich mit meinen Irrtümern um? Wenn ich die Wahrheit liebe, dann sehe ich meine Irrtümer als Irrtümer. Wenn ich den Irrtum erkannt habe, dann nenne ich ihn auch so! Das soll bedeuten, dass ich nicht so tun werde, als ob nichts gewesen wäre. Noch schlimmer wäre es, wenn ich eine Lüge nicht mehr als Lüge bezeichnen würde, sondern als “Licht”. Gerade dafür hat die “Organisation” ja oft genug Beweise geliefert. Was ich ihr vorwerfen muss, ist der leichtfertige Umgang mit der Wahrheit. Das ist ein moralischer Makel, der sich einfach nicht gehört. Ich bringe jedes Verständnis auf für einen Irrtum, der auf menschliches Unvermögen beruht. Ich erwarte aber von dem Betreffenden, dass er sich korrigiert und entschuldigt. Aber vom Sklaven hörte ich einmal: “Nein, der Sklave muss sich nicht entschuldigen!” Ja, so muss man es machen, dann wird das Licht bestimmt immer heller!

Nun habe ich das alles hinter mich gelassen. Ich habe mich innerlich abgewandt. Wie geht es mir nun? Es geht mir sehr gut, ich bin voller Freude und Frieden. Ich fühle mich von Jehowah und Jesus Christus geliebt, ich fühle mich bei ihnen geborgen. Manchmal kann ich dieses Glück nicht fassen. Ich bin ein armer, sündiger Mensch. Und doch darf ich zum Höchsten kommen? Das ist schon zu hoch für mich! Am liebsten würde ich sagen: “Blicke hinweg von mir!” Aber das geht ja auch nicht! Ich bin doch willkommen geheißen worden! Ich weiß doch, wem ich vertraue, an wen ich glaube. Ich habe doch den Allmächtigen gesehen! So kann ich immer nur wieder sagen: “Bitte sei mir, einem Sünder gnädig!”

Ich empfinde keinen Groll. Ich bin frei geworden und habe die Furcht vor Menschen verloren. Diese Freiheit macht mich im Glauben stärker und lässt die Hoffnung heller werden. Nun weiß ich, dass mein Leben im Glück des Glaubens nicht von einer “Organisation” abhängt, dass sie nicht mein “Rettungsdampfer” ist und nicht zwischen mir und Gott steht. Nun weiß ich mit aller Deutlichkeit, dass Jesus Christus mein Erlöser ist. Und ich weiß, dass Jehowah mich in seinen Vorhöfen wohnen lässt. Damit bin ich zufrieden!

Ich blicke gerne auf die Zeit zurück, als ich meine Glaubensgeschwister kennen lernte. Es war eine schöne Zeit voller neuer Einsichten, die mein Leben geprägt haben. Ich möchte diese Zeit nicht missen! Und ich bete für diese Menschen, dass sie sich selbst und ihrem Gott treu bleiben. Werden sie es schaffen? Das ist eine bange Frage, und ich muss daran denken, dass jeder seine eigene Verantwortung hat. Jeder Glaube wird geprüft! Und das will ich nicht verhindern.

Eine andere Frage beschäftigt mich noch: Wie werden meine Glaubensbrüder mich in Zukunft betrachten? Es ist zu erwarten, dass man mich als Abtrünnigen verleumden wird. Schwache Menschen werden sich dem offiziellen Verdikt anschließen, weil sie Angst haben. Das sei ihnen schon jetzt verziehen. Und was jene betrifft, die es besser wissen sollten, aber nicht entsprechend handeln: Das überlasse ich Jesus Christus.

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